Um Ihnen das Wesen einer ganzheitlich-orientierten Arbeit näher zu bringen, stelle ich Ihnen auf diesen Seiten ein Fallbeispiel vor. Es vermittelt einen anschaulichen Eindruck davon, wie wirksam es sein kann, Körper, Geist und Psyche gleichermaßen in das therapeutische Geschehen miteinzubeziehen. Weitere Beispiele werden folgen.

Stottern als Sprech- und Sprachstörung

Therapie in der Adoleszenz und im Erwachsenenalter

Über ein Jahr hatte ich Gelegenheit, mit einem jungen Menschen zu arbeiten, der unter seinem Stottern litt. Wie die meisten Menschen, die mit dieser Sprach- bzw. Sprechstörung belastet sind, schwieg er, wenn er eigentlich sprechen wollte, formulierte seine Sätze anders, als sie seinem Bedürfnis entsprachen. Er hastete durch seine Rede, um möglichst schnell der Peinlichkeit des Stotterns entronnen zu sein oder er erlegte sich die schwierige Aufgabe auf, all seine Gedanken bereits im Geiste vorzuformulieren, um sich auf die Sicherheit von etwas Vorbereitetem stützen zu können. Scham über misslungenen Redefluss, das anschließende gedankliche Kreisen um dieses scheinbare „Ver-Sagen“ waren ihm genauso bekannt wie die daraus resultierende Abwertung seiner Person. Entmutigt durch die Aussage, auf die er immer wieder stieß – „Stottern in der Adoleszenz ist nicht heilbar.“ – begannen wir die Arbeit.

Die gemeinsame Arbeit war von Beginn an von der Einstellung geprägt, dass auch unsere Stimme unter dem Aspekt der Ganzheit gesehen werden möchte. Auch die Stimme ist ein zentraler Bereich unseres körperlichen Ausdrucks. An ihrer Bildung und damit auch an Problemen, die auftauchen, sind Körper, Geist und Psyche beteiligt und sollten demnach auch in die therapeutische Arbeit einfließen. Beim Sprechen gelangt Inneres nach außen, werden Gedanken und Emotionen zum Ausdruck gebracht. Je größer die ÜbereinSTIMMung, desto stimmiger, leichter und lebendiger ist der Ausdruck.

Auf diesem Hintergrund ist es unmöglich, das Stottern nicht auch von seiner psychischen Seite aus zu betrachten bzw. seine Behandlung auf rein mechanische oder technische Methoden zu reduzieren. Die psychische Komponente berührt Themen wie Selbstbewusstsein, Durchsetzungsfähigkeit, Präsenz und Begegnung. Die körperliche geht meines Erachtens weit über den Kopf-, Hals- Nackenbereich bzw. Sprechapparat hinaus und umfasst den ganzen Körper: Haltung, Bewegung, Muskeltonus, Gangweise, Mimik etc., was wiederum in Wechselwirkung mit der psychischen Befindlichkeit steht. In der kognitiven Dimension werden Einstellungen und Denkmuster offensichtlich, die den Menschen prägen und sich – auch beim Sprechen – als hinderlich oder förderlich erweisen.

So umfasste unsere Arbeit ein ganzes Bündel fein abgestimmter verschiedener Interventionen und Übungen. Körpertherapeutisches sorgte für eine Verringerung physischer Blockaden, ein erhöhtes Körperbewusstsein, die Kräftigung des Stimmapparates und die allmähliche Erweiterung des Bewegungsrepertoires. Atemübungen und Atem-Meditationen wurden unterstützend eingesetzt und bewegungstherapeutische Interventionen ebneten den Weg zu mehr Selbstbewusstsein, Präsenz und Ausdruck. Die Bedeutung von Rhythmus und Taktgefühl, Miteinander und Gegeneinander wurde erforscht. Die Pause oder gar das Schweigen – selbstgewählt und gestaltet – erlangte ebenso Beachtung wie das freie und improvisierte Sprechen oder der Auftritt vor einem imaginären Publikum. Selbstverständlich war die ständige Begleitung durch das therapeutische Gespräch ein wichtiger Faktor sowie das Feedback des Klienten zu den jeweiligen Interventionen von großem Wert für die Weiterentwicklung des Ansatzes war.

Manche Übungen zeigten unmittelbar nach ihrer Ausführung eine deutliche Verbesserung der Symptomatik. Bei anderen wiederum kam es, vergleichbar einem homöopathischen Mittel, stellenweise zunächst zu einer Verschlimmerung, dann aber zu einer spürbaren Verbesserung. Nach circa drei Monaten konnte von einer nachhaltigen Wirkung die Rede sein, phasenweise war das Stottern gänzlich verschwunden und nach einem halben Jahr konnte auch kein Außenstehender mehr den jungen Mann als Stotterer identifizieren.

Wie überall, spielt natürlich auch hier die Kontinuität im Üben und in der Arbeit eine große Rolle. Geht es zunächst darum, eine größtenteils symptom-, d.h. „stotterfreie“ Ebene zu erreichen, so besteht die Aufgabe des nächsten Schrittes in der Stabilisierung des Erreichten bis hin zum völligen Verschwinden der Symptomatik und sicher auch einigen tiefer liegenden Ursachen.

Es soll nicht behauptet werden, dass die ganzheitliche therapeutische Arbeit, wie sie hier nur in Kürze geschildert werden kann, das Stottern auf jeden Fall und in jedem Fall heilen kann. Ich spreche mich jedoch gegen einen bloß akzeptierenden Umgang und damit gegen die Empfehlung aus, sich in sein Schicksal zu ergeben und eben das Beste daraus zu machen. Die unter dem ganzheitlich-therapeutischen Ansatz erarbeitete Gelassenheit basiert auf einem stabileren Selbstbewusstsein und umfasst nicht nur die eigene Haltung gegenüber dem Stottern, sondern die ganze Person. Sie ist in keinem Fall mit der o.g. resignativen Akzeptanz zu verwechseln. Ebenso bin ich der Überzeugung, dass ein rein technischer oder verhaltenstherapeutischer Ansatz das komplexe Phänomen des Stotterns von möglichen wie tatsächlichen Ursachen von vorneherein trennt und so eine nachhaltige Wirkung verhindert.

Kein Mensch kommt als Stotterer auf die Welt. Durch die Arbeit unter ganzheitlichem Aspekt wurde eine anhaltende und stabile Wirkung und Verbesserung der Symptomatik bis hin zum völligen Verschwinden erzielt. Die Persönlichkeit  hat darüber hinaus im Hinblick auf Authentizität, Echtheit und Selbstbestimmung eine wesentliche Entwicklung durchlaufen.

Wer diesen Weg mit mir gehen möchte, ist herzlich dazu eingeladen!

Ich würde mich freuen, wenn dieser Ansatz auch unter Logopäden und ähnlich orientierten Sprachtherapeuten Anerkennung findet und möglicherweise unterstützend in die eigene Arbeit einbezogen wird.