Aus den zahlreichen Interventionen, wie sie im geschilderten Fallbeispiel (siehe Blogbeitrag 1 vom 01. März 2018) zur Anwendung kamen, stelle ich im Folgenden fünf Übungen vor, die in ihrer Gesamtheit dem Körper-Geist-Seele-Prinzip folgen. Es ist selbstverständlich, dass fünf einzelne Übungen keine individuelle Therapie ersetzen können, wie sie sich in der persönlichen Begegnung mit dem Klienten und seiner speziellen Problematik ergibt. Sie gehören jedoch zu den Übungen, die relativ schnell einen positiven Effekt auf den Redefluss haben können. Ausgeführt in der hier angegebenen Reihenfolge werden sie den größten Nutzen entfalten. Es ist jedoch möglich, sie je nach Zeit oder Lust, einzeln auszuführen, auch in Ergänzung zu Übungen der klassischen Stottertherapie.

 

 

ÜBUNG 1: Den Kopf frei kriegen – Gibberish reden!

Gibberish ist eine Phantasiesprache, die ebenso einfach wie wirkungsvoll ist. Die Worte / Wortgebilde entspringen der persönlichen Phantasie und stehen damit in unmittelbarem Kontakt zum Selbst der Gibberish-sprechenden Person. Darüber hinaus sind sie als weiteres wesentliches Merkmal der Last der Bedeutung völlig entledigt.

Sinnentleert in diesem Sinn bedeutet frei von Leistungsdruck!

Gerade bei Stotterern ist die antizipierte Angst „Was kommt dabei heraus?“ stärker ausgeprägt als beim normal Sprechenden. Im Gibberish kann die Lust am Spielen erlebt und / oder wieder integriert werden. Gibberish ermöglicht die Distanzierung vom „stotternden Ich“, macht den Kopf frei und fördert den (Rede-)Fluss.  Als Improvisationsübung stärkt sie das Vertrauen, sich auf das Unvorhergesehene einzulassen, das Unvorhergesehene zu meistern und damit letztlich das Vertrauen in sich selbst. Es bereitet den Boden dafür, sich von überholten Denkmustern und negativen Glaubenssätzen zu befreien. Fragen danach, welche Erwartungen der Sprechende an sich selbst hat, ob diese zu hoch sind, ob es immer „druckreif“ sein muss, können aufkommen und bearbeitet werden. Gibberish öffnet auf leichtere Weise den Erfahrungsraum, dass man nicht auf alles eingehen muss, was das Gegenüber verbal anbietet. Somit wird auch die Fähigkeit zur freien Entscheidung gestärkt, Selbstbewusstsein und Verantwortungsgefühl wachsen gleichermaßen.

So führen Sie die Übung aus:

  • Reden Sie Gibberish im Selbstgespräch. Selbst wenn es Ihnen zunächst komisch vorkommt, beginnen Sie einfach. Vielleicht möchten Sie leise starten. Dann arbeiten Sie sich allmählich bis zu einer normalen Lautstärke vor. Halten Sie, wenn möglich, fünf Minuten durch.
  • Gibberish im Dialog. Gibberish im Dialog zu sprechen, kann eine sehr erheiternde Angelegenheit sein und verstärkt die oben genannten Effekte. Bitten Sie einen Freund / eine Freundin oder jemanden, dem Sie vertrauen, in den Gibberish-Dialog mit Ihnen zu treten. Sie werden schnell merken, dass er in den Grundzügen denen eines „echten“ Dialoges ähnelt.

Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Wichtig ist, dass Sie Spaß daran haben.

 

ÜBUNG 2: Lockerung und Dehnung der Hals-Nacken-Muskulatur

Oft unterschätzt, tragen Blockaden und Muskelverkürzungen auch in diesem Bereich dazu bei, das Sprechen zu erschweren. Weist bereits das Stottern an sich auf Verkrampfungen im engeren Sprechapparat hin, so breiten sich diese oft unbemerkt auf weitere Bereiche des Körpers aus. Verspannungen der Gesichtsmuskulatur sowie im Hals-Nackenbereich sind die Folge. Durch den erhöhten Muskeltonus wird die Energie in ihrem Fluss gehindert und blockiert. Ein Stau ist die Folge. Mit dieser Übung sorgen Sie im Kopf- und oberen Brustbereich für mehr Entspannung bzw. dafür, dass vorhandene Blockaden sich allmählich auflösen und die freigesetzte Energie zu dem Ort gelangen kann, wo sie für einen nächsten Heilungsschritt gebraucht wird.

So führen Sie die Übung aus:

  • Sitzen Sie dazu mit aufrechtem Rücken, am besten am vorderen Rand eines Stuhls. Atmen Sie zur Vorbereitung langsam durch die Nase und ziehen Sie dabei Ihre Schultern so weit hoch, wie es Ihnen angenehm ist. Mit dem Ausatem durch den Mund lassen Sie nun die Schultern langsam wieder nach unten sinken. Wiederholen Sie diese Übung drei Mal.
  • Ziehen Sie nun beide Schultern aktiv nach unten. Behalten Sie diese leichte Spannung bei und ziehen Sie nun die Halswirbelsäule aktiv nach oben. (Eine klassische und äußerst effektive Gegenzug-Bewegung!) Behalten Sie auch diese Spannung bei und „klappen“ Sie nun beide Schultern ein wenig nach vorne. Es sollte sich eine angenehme Spannung im oberen Rücken ausbreiten, bei denen Sie auch die Schulterblätter fühlen. Pressen Sie nun den Ober- und Unterkiefer leicht zusammen und konzentrieren Sie sich auf die Nasenspitze. Behalten Sie auch diese Spannung bei und führen Sie nun das Kinn zur Brust. Halten Sie diese Position für drei – vier Sekunden, bevor Sie sie lösen und in die Wiederholung gehen.

Haben Sie den Dreh einmal raus, so verfügen Sie über eine einfache, aber äußerst wirksame Lockerungsübung, die sich im Übrigen für alle Menschen eignet, – und es sind nicht wenige – die Verspannungen in diesem Bereich aufweisen.

 

ÜBUNG 3: Arbeit mit Tönen

Nun geht es darum, mit Tönen in der Welt zu sein, „tonangebend“ zu sein. Töne sind ein gutes Mittel, um sich mit der eigenen Stimme zu beschäftigen, sie in ihrer Variationsbreite kennenzulernen und damit zu experimentieren. Töne sind in der Regel einfach zu erzeugen. Auch darum eignen sich diese Interventionen vor allem für den Beginn einer therapeutischen Arbeit. Wir bedienen uns dazu der Urlaute Ha / He / Hi /Ho / Hu, die auch als Empfindungslaute bezeichnet werden. Das ist in unserer Arbeit insofern von Bedeutung, als dass die authentische Emotion einen aus meiner Sicht und Erfahrung erheblichen Antriebsfaktor für flüssiges und überzeugendes Sprechen darstellt und die Modulation des Gesprochenen maßgeblich mitgestaltet.

Emotion und stimmlicher Ausdruck erhalten die Chance, als kongruent, als übereinstimmend
erlebt zu werden.

Hier betreten wir auch den psychischen Bereich, der Themen wie Selbstbewusstsein, gesunde Aggression, sich Raum-nehmen und Gehör verschaffen berührt. Er wird sich Ihnen durch diese Arbeit ein Stück weit von selbst erschließen.

So führen Sie die Übung aus:

  • Legen Sie sich eine Musik auf, die rein instrumental und stark rhythmisiert ist. Eine hohe Dynamik hat eine gute unterstützende Wirkung. Ich setze für diese Übung bevorzugt die Musik von „Professor Trance“ ein, z.B. „Medicine Trance“, leicht zu finden auf youtube.
  • Wählen Sie einen Platz aus, der Ihnen ein wenig Bewegungsfreiheit bietet. Beginnen Sie im Stehen und stoßen Sie nun nacheinander, am besten dem Rhythmus der Musik angepasst, die Laute Ha / He / Hi /Ho / Hu aus. Tun Sie das entschlossen und mit kräftiger Stimme. Gehen Sie dabei über die normale Sprechlautstärke hinaus.
  • Lassen Sie die Dynamik der Laute und auch der Musik allmählich auf Ihren Körper übergehen. Bedienen Sie sich zunächst der Arme und Hände, um die Laute mit einer Bewegung zu begleiten. Finden Sie Ihre eigene Bewegung! Es gibt kein „Richtig“ oder „Falsch“, kein „Schön“ oder „Hässlich“, sondern nur die Bewegung, die Ihr Empfinden an dieser Stelle hervorbringt. (Natürlich kann dies leichter mit Unterstützung eines Therapeuten geschehen, aber vielleicht trauen Sie sich ja auch selbst!)
  • Lassen Sie nun die Bewegung auf den ganzen Körper übergehen. Vielleicht möchten Sie dazu im Rhythmus mit den Füßen aufstampfen, sich im Raum bewegen. Tun Sie es!
  • Beginnen Sie mit einer Modulation, z.B. von laut nach leise und umgekehrt, vom staccato, also kurz und knackig ausgestoßenen Lauten hin zu einem legato, das die Töne miteinander verbindet. Gehen Sie sodann in die Improvisation. „Singen“, modulieren und sprechen Sie die Laute in der Reihenfolge und Art, wie es Ihnen gerade in den Sinn kommt. Z.B. Hahahaha! – Hehehe! Hi! Hi! Huhuhu! Hohoho!

Versuchen Sie den Kopf auszuschalten und die Übung zu genießen! Tun Sie das, solange Sie möchten, aber mindestens 10 Minuten.

Wenn Sie genug vom Ernst dieser Übung haben, gehen Sie in die humoristische Variante über und gestalten Sie die Laute als Lachen. Sie können die Übung erweitern, indem Sie am Ende jedes Lautes ein „t“ einfügen.

 

ÜBUNG 4: Den Blick fokussieren

Mit dieser Übung stärken Sie Ihr Selbstbewusstsein und bereiten sich auf eine aktive Begegnung vor. Menschen, die stottern, fühlen sich in der Begegnung mit anderen oft verunsichert und sogar beschämt. Es sind genau diese Gefühle, die – oft unbemerkt – dazu führen, dass die Augen unruhig im Raum hin und her wandern und den direkten Blickkontakt scheuen. Diese Unruhe wirkt sich entsprechend auf den Redefluss aus. In dieser Übung geht es darum, den Blick aktiv und ruhig bei gleichmäßigem Atem auf etwas / eine Person gerichtet zu halten.

So ermöglichen wir es uns, in einen lebendigen Kontakt mit unserem Gegenüber zu treten.

In der Regel bedürfen die Interventionen zur Stärkung des Selbstbewusstseins eines Partners oder sogar einer Gruppe. Diese Übung können Sie alleine durchführen, an jedem beliebigen Ort, zu jeder Zeit und sie später, wenn Sie Zutrauen zu sich gewonnen haben, auch in der Begegnung mit einem Gegenüber anwenden.

So führen Sie die Übung aus:

  • Suchen Sie sich einen Gegenstand oder einen Punkt in Ihrer Umgebung aus und richten Sie nun Ihren Blick darauf. Vermeiden Sie auf jeden Fall die Konzentration und suchen Sie stattdessen die Fokussierung. Die Konzentration (ver)führt in der Regel zu einer Fixierung, zu einer Verfestigung und stellt somit das Gegenteil von dem dar, was wir erreichen wollen, nämlich den Fluss. Beim Fokussieren bleibt der Blick weich.
  • Gleichzeitig versuchen Sie nun die Ränder Ihres Blickfeldes in Ihre Wahrnehmung treten zu lassen. Achten Sie darauf, dass der Atem möglichst gleichmäßig und ruhig fließt. (Legen Sie dabei gerne zunächst die Hand auf die Brust, das unterstützt das Gefühl, bei sich zu sein, während man in Kontakt mit dem Außen ist.) Auf diese Weise schaut man hinaus, wobei zur gleichen Zeit auch etwas in das Blickfeld hineinfließen kann. Ein lebendiger Kontakt entsteht. Dies ist eine Variation der bereits erwähnten klassischen Gegenzug-Bewegung auf einer anderen Ebene.

Sehr gut zum Üben eignet sich die Flamme einer brennenden Kerze.

Wenn Sie ein wenig Sicherheit gewonnen haben, probieren Sie diese Art der Wahrnehmung im Gespräch aus. Was in der Übung ein Gegenstand oder Punkt ist, sind nun die Augen Ihres Gesprächspartners.

 

ÜBUNG 5: Atemübung

Ohne Atem können wir nicht sprechen. Je weiter, länger, breiter und tiefer unser Atem reicht, desto mehr tragen wir zu einem anstrengungsloseren Sprechen bei.

Eine Atemübung wie diese bringt Ruhe, Weite und Raum in unser gesamtes Körpersystem.

Der Atemfluss wird betont, im Zusammenhang mit einer einfachen Bewegung, die die Verteilung des Sauerstoffs in unsere Zellen unterstützt. Der Geist wird klarer und frischer, unsere Bewegungen werden geschmeidiger und ruhiger.

So führen Sie die Übung aus:

  • Wenn Sie möchten, legen Sie sich dazu eine Musik auf, die zum Genre der Entspannungsmusik gehört. Sie sollte, wie in Übung 2, rein instrumental sein, der Rhythmus sollte relativ langsam und gut hörbar sein. Musik wie z.B. Schamanische Meditationsmusik, ebenfalls unter youtube zu finden, hilft uns, den angestrebten Zustand der Ruhe und Gleichförmigkeit, die auch die Grenze zur Trance berühren kann, leichter zu erreichen. Sie können die Augen bei dieser Übung schließen, halb oder ganz offen halten. Experimentieren Sie, womit Sie sich wohler fühlen.
  • Suchen Sie sich einen Platz aus, der Ihnen ein wenig Bewegungsfreiheit bietet und an dem Sie sich sicher fühlen. Stehen Sie, die Beine etwa hüftbreit auseinander, die Knie leicht gebeugt. Achten Sie unbedingt darauf, das Becken ein wenig nach vorne zu kippen, um ein Hohlkreuz zu vermeiden, und ziehen Sie eventuell den Bauchnabel ein wenig nach innen. Diese Position sorgt für einen stabilen Stand und dafür, dass der Atem sich im gesamten Körper ausbreiten kann. Er verhindert, dass sich der Sauerstoff im oberen Körperbereich konzentriert, wodurch z.B. das Stottern begünstigt wird oder Schwindel entstehen kann. Kontrollieren Sie daher auch zwischendurch immer mal wieder Ihre Position und korrigieren Sie diese gegebenenfalls.
  • Die Arme hängen seitlich am Körper nach unten. Die Hände werden im 90 ° Winkel nach oben gehalten. (Die Handflächen zeigen also nach unten.) Heben Sie nun die Hände zusammen mit Ihrem Einatem bis etwa auf Brusthöhe, senken Sie sie sodann wieder soweit wie möglich nach unten, begleitet vom Aus-Atem. Versuchen Sie diese Bewegung so gleitend und flüssig auszuführen wie möglich. Passen Sie die zeitliche Dauer Ihres Ein- bzw. Ausatems der Dauer der Bewegung so exakt wie möglich an. Dadurch vermeiden Sie Atemnot und finden zu einer geschmeidigen und flüssigen Bewegung. Führen Sie diese Bewegungsfolge mindestens sechs Mal hintereinander aus. Atmen Sie dabei in den unteren Brustraum, erweitern Sie, indem Sie ganz bewusst in die Lungenflügel und das Zwerchfell atmen.
  1. Sequenz

Nachdem Sie die Grundbewegung mindestens sechs Mal ausgeführt haben, gehen Sie in die nächste Bewegungssequenz:

  • Heben Sie die Hände wie in Sequenz 1 mit dem Einatem. Mit dem Ausatem kreuzen Sie beide Hände schalenförmig übereinander vor dem Nabel. Mit dem Einatem öffnen Sie die Arme rechts und links weit zur Seite, so als wollten Sie die ganze Welt umarmen. Achten Sie darauf, die Arme nicht über Schulterhöhe zu heben. Senken Sie nun die Arme mit den Handflächen nach unten, indem Sie ausatmen. Auch diese Bewegungsfolge führen Sie mindestens sechs Mal hintereinander durch.
  • Kehren Sie dann zur Grundbewegung zurück, die Sie ebenfalls wieder sechs Mal hintereinander ausführen, dann wieder Sequenz 2 usf.

Der Einatem erfolgt bei dieser Übung stets durch die Nase, der Ausatem über den Mund. Wenn Sie möchten, setzen Sie zur Verstärkung beim Ausatmen die Lippenbremse ein. Damit vergrößern Sie automatisch Ihre Lungenkapazität und verlängern die Sequenz der Ausatmung. Bringen Sie dafür Spannung in Ihre Lippen, als wollten Sie Querflöte spielen. Also: Einatem durch die Nase, Ausatem über den Mund, verstärkt durch die Lippenbremse.

 

Sollte zunächst eine Verschlimmerung eintreten, lassen Sie sich davon nicht entmutigen!
In diesem Fall wurde das System durch die neuen und ungewohnten Reize angeregt und braucht einige Zeit (normalerweise 1 Tag), um sich zu beruhigen bzw. die neu gewonnenen Körpereindrücke in Form von Symptomverbesserung zu integrieren.

Nun wünsche ich Ihnen viel Erfolg und auch Spaß beim Üben! Sollten Sie Fragen dazu haben, schreiben Sie mir. Ich schaue gerne, wie ich Sie weiter unterstützen kann.